Sie sind hier: Fächer > MINT Fächer > Physik > P-Seminar Physik

Besuch von Frau Heidi Bentele im P-Seminar Physik


"Tschernobyl und Fukushima – 2  Atomkatastrophen verändern die Welt!" am 14.10.2015

Am 26. April 1986 passierte eine entsetzliche Tragödie in der europäischen Geschichte und veränderte für viele Menschen, vor allem für die ukrainische und weißrussische Bevölkerung, das Leben in einer dramatischen Weise. Auch für Frau Heidi Bentele war dieser Tag eine Wende in ihrem Leben, allerdings eine Wendung hin zu großer Hilfsbereitschaft, Solidarität und  Nächstenliebe.

Frau Heidi Bentele, Gründerin und Vorsitzende der Initiative "Hilfe für Kinder aus

Tschernobyl", setzt sich seit mehr als 20 Jahren für Menschen in Weißrussland ein und kämpft dort aktiv gegen die immer noch bestehende immense Not.

Am 14.10.2015 hatte das P-Seminar Physik die Ehre, in den Genuss eines privaten

Vortrags von Frau Bentele zu kommen, der mit Fotos von Herrn Holthaus anschaulich unterlegt wurden.

Zunächst wurden einige Fakten geklärt: Was ist am 26. April 1986 im Atomkraftwerk in Tschernobyl passiert, wie erlebte Frau Bentele selbst diesen Tag und mit welchen Problemen wurde die damalige Bevölkerung konfrontiert. Frau Bentele erzählte von Kindern, die an diesem Tag draußen gespielt haben – und die dadurch oft bald schwer an Leukämie oder Schilddrüsenkrebs erkrankt sind. Bei uns kann solchen Kindern eher gut geholfen werden und es besteht die realistische Chance, dass die Krankheiten geheilt werden können; doch in Weißrussland ist es leider bis heute noch ein Drama: jedes dritte Kind leidet unter einer Krebserkrankung, meist an Leukämie, die viel aggressiver verläuft als bei uns. Zahlreiche andere Kinder sind heute noch in Folge dieser Katastrophe missgebildet und werden deshalb von ihren Familien versteckt;  sie werden missachtet und von der Gesellschaft ausgeschlossen, viele in Heimen, die die „Normalbevölkerung“ nicht einmal kennt, weggesperrt.

Das Hauptproblem stellt vor allem die Regierung unter der Leitung des weißrussischen Diktators Lukaschenko dar. Zweidrittel aller Jugendlichen in Weißrussland sind heutzutage nicht über den Vorfall von Tschernobyl und dessen Folgen informiert. Die einheimische Bevölkerung wird von der Regierung belogen, die Wahrheit wird geheim gehalten; man tut so, als hätte es Tschernobyl nie gegeben und verbreitet, dass keine Radioaktivität von damals mehr existent sei. Dasselbe Verhalten heute wie schon 1986! Die Messgeräte, mit denen die dortige Strahlung gemessen wird, sind manipuliert und geben eine viel niedrigere, unbedenkliche Dosis an Strahlung an – die reale Strahlenbelastung dagegen ist nach wie vor gewaltig! Die Strahlung ist nicht nur in z.B. Pilzen, Fischen und Pflanzen präsent, sondern ist  bis ins Grundwasser eingedrungen, so dass die Bürger nach wie vor mit dieser ständigen Gefahr leben müssen - und unter diesen Auswirkungen leiden.

Gerade Kinder sind stark gefährdet,  haben verstärkt  Asthma, chronische Bronchitis, Leukämie, Schilddrüsenkrebs, geistige Behinderungen oder sind körperlich z.T. massiv missgebildet. Doch in Weißrussland kann ihnen leider kaum geholfen werden, da sich die dortigen Krankenhäuser in einem katastrophalen Zustand befinden. Die Ausstattung ist mehr als mangelhaft. Es gibt z.B. keine abgetrennten Bereiche, nicht genügend Betten, Hygiene scheint oft ein Fremdwort zu sein. Nicht zuletzt ist die medizinische Versorgung völlig unzureichend. Medikamente aus dem Ausland, vor allem aus Europa, sind verboten, so dass – wenn überhaupt! -  nur Medizin aus Weißrussland oder aus China vorhanden ist. Diese Medikamente ähneln allerdings mehr Placebos; oft sind sie mit unbekannten Beimischungen gestreckt worden und haben sogar eine giftige Wirkung. Eltern können ihre Kinder wegen Geldmangels oft wochenlang nicht besuchen und, wenn sie dann bei ihren kranken Kindern sind, können sie aus Platzmangel nur an deren Betten sitzen, müssen nachts auf dem Boden schlafen oder sich mit in das Bett ihrer Kinder legen.

Essen gibt es dort nur wenig und wenn dann nur für die Patienten, so dass die Eltern sich selber um ihre und die Verpflegung ihrer Kinder  kümmern müssen. Wenn Frau Bentele diese Kinder bei ihren Besuchen fragt, wie es ihnen geht, erhält sie immer dieselbe Antwort "Normalne". Doch es geht diesen Kindern (für unsere Begriffe) auf keine Fall normal – erst recht nicht, wenn ihnen ohne Narkose, nicht einmal mit örtlicher Betäubung Knochenmark bei einer Punktion entnommen wird und die qualvollen Schreie aufgrund der starken  Schmerzen bei dieser Prozedur  im ganzen Krankenhaus nicht zu überhören sind.

Der Regierung ist dies alles egal, sie will mit diesen Leuten und deren Problemen nichts zu tun haben – sie existieren nicht! Frau Bentele sammelt mit ihrer Initiative viel Geld, um dort regelmäßig aktiv gegen diese Situation vorzugehen und sie zu verbessern. Sie selbst sagte, dass ihre Hilfe inoffiziell ist. An einem als Kochschule getarnten Ort trifft sie Betroffene. Anzunehmen ist allerdings, dass auch Offizielle von diesen Hilfsaktionen Kenntnis haben, da man sie bei der Zollkontrolle immer passieren lässt und sie herzlich namentlich begrüßt -  obwohl sie Medikamente, Essen (u.a ist bei jedem Hilfstransport  mindestens 1 Tonne Bananen dabei!), Geld, Spielsachen und sogar Chemotherapien mit ins Land bringt, vieles davon schmuggelt. Sie weiß, dass die kranken Kinder eine Chance  zu überleben hätten, doch niemand der Regierenden dort kümmert sich um das Schicksal und Leid des Einzelnen – es existiert ja auch nicht! Daher organisiert sie die Treffen in einer Kochschule, verteilt dort kostenlos mitgebrachtes Essen sowie gespendete Kleidung und Spielsachen für die Kinder und nimmt sich für zahlreiche Einzelschicksale Zeit.

Zudem ermöglicht sie immer wieder Kindern, darunter auch schwer kranken Kindern, eine Reise nach Deutschland, um dort z.B. bei ihr zuhause ein paar unbeschwertere, erholsame Wochen zu erleben oder es wurden für besonders tragische Fälle auch schon Behandlungen im Augsburger Zentralklinikum ermöglicht.

Ein aktuelles besonderes Anliegen ist  es Frau Bentele, möglichst viele Spenden  zu sammeln, um in Weißrussland eines der  20 geplanten Häuser finanzieren zu können, in denen krebskranke Kinder zusammen mit ihren Müttern wohnen und schlafen können, damit sie die Chance bekommen eine ambulante Chemotherapie zu erhalten. 15 von 20 Häusern sind bereits gebaut, für die restlichen 5 sind dringend noch Spenden für die Finanzierung nötig (ein Haus kostet den für unsere Verhältnisse lächerlichen Betrag von 20000€).

Der Vortrag hat uns allen die Augen geöffnet, dass man innerhalb Europas eine andere, zurückgebliebene Welt vorfindet, die unsere Unterstützung dringend benötigt. Wir selber sollten jeden Tag froh sein, dass wir hier geboren wurden und dass unsere Probleme, im Gegensatz zu deren der weißrussischen Bevölkerung, minimal sind. Die Hilfe und Unterstützung von Frau Bentele ist zwar gigantisch, kann aber leider - gemessen an dem Ausmaß, was dort nötig wäre - nur ein Tropfen auf einen heißen Stein sein. Jedoch: wie heiß wäre dieser Stein erst ohne diesen Tropfen?

Wir bedanken uns herzlich bei Frau Bentele, dass sie uns informiert hat. Es war sehr interessant, ihr Bericht, das Schicksal der Menschen dort  wird uns allen  lange im Gedächtnis bleiben.

Carolin Adam, Q12

(Foto: Herr Holthaus)